
Kaum jemand kennt heute noch die sportlichen Fahrzeuge der
französischen Firma Ballot.
Sie haben es verdient, der Vergessenheit entrissen zu werden.
Wir stellen vor: den Ballot 2 Litre Tourisme. |
Mit Pauken und Trompeten
1919 wurde die
neugegründete Automobilmarke Ballot mit einem Paukenschlag weltberühmt.
Was war passiert? Edouard Ballot betrieb seit 1910 in Paris eine Firma, die Motoren für
den stationären Einsatz und den Einbau in Automobile herstellte. Abnehmer waren
Delage und einige andere kleine Automobilfirmen. Aber Monsieur Ballot begeisterte sich
für den noch jungen Rennsport. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, den weltbesten Rennwagen
zu produzieren.
Einen der begabtesten Rennwagenkonstrukteure seiner Zeit, den Schweizer Ernest Henry,
konnte er für seine ehrgeziegen Pläne gewinnen und außerdem verfügte Ballot über
ausreichende finanzielle Mittel. In nur 102 Tagen wurde der erste Rennwagen dieser noch
völlig unbekannten Firma auf die Räder gestellt.
Und dann kam der
große Tag: beim 500 Meilen-Rennen von Indianapolis im Jahre 1919 starteten vier
baugleiche Ballot-Rennwagen. Angetrieben von Achtzylinder-Reihenmotoren mit 4,9 Litern
Hubraum, zwei obenliegenden Nockenwellen und vier Ventilen pro Zylinder waren die
Ballot-Renner das technische Highlight und die schnellsten Wagen auf der Strecke. Aufgrund
von Reifenproblemen landete ein Ballot allerdings "nur"auf dem respektablen
vierten Platz. Aber die Fachwelt war vorgewarnt, man war sich durchaus einig darüber,
dass die neuen Wagen ohne die Reifenprobleme das Rennen höchstwahrscheinlich gewonnen
hätten. Beim nächsten Indianapolis-Rennen belegte Ballot den zweiten Platz und zwei
Jahre später konnten sich zwei Ballot in der Dreiliterklasse beim großen Preis von
Italien auf Platz eins und zwei platzieren.

Sportlichkeit schon im Stand, technische Finessen und hohe
Qualität,
die Gütezeichen der Fahrzeuge von Ballot.
Der "2 Litres Sport"
In der
Zwischenzeit arbeitete Ballots Konstrukteur Henry an einem kleineren "2 Litres
Sport", den man in Serie für die Straße gedacht hatte. Aus vier Zylindern mit
1998 ccm, mit vier Ventilen pro Zylinder und zwei durch eine Königswelle angetriebenen
Nockenwellen hatte es Henry geschafft, dem Triebwerk satte 80 PS zu entlocken, was für
eine Spitzengeschwindigkeit von über 150 km/h (!) ausreichte.
1921 wurde der
"2LS" mit den phänomenalen Leistungsdaten dem Publikum vorgestellt. Der normale
Mensch konnte sich nun einen fantastischen Sportwagen kaufen, wenn er denn über genügend
Kleingeld verfügte. Denn der technische Aufwand und die sehr hohe Qualität hatten ihren
Preis, 1750 Pfund Sterling waren für den 2LS auf den Tisch zu legen. Die Klientel von
Ballot war folgerichtig sehr wohlhabend aber mengenmäßig begrenzt.
Bis 1924 wurden nicht mal 100 Fahrzeuge vom Typ 2LS gebaut und verkauft.

Offenfahren, bei Wind und Wetter, war in den 20er Jahren des
letzten Jahrhunderts
üblich und angesagt, und nichts für "Schattenparker".
Der "2 Litres Tourisme"
In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wuchs der
Automobilmarkt enorm. Edouard Ballot vermutete, daß ein wesentlich günstigerer
Tourenwagen von hoher Qualität, mit technischen Finessen ausgestattet, sich gut verkaufen
lassen sollte. Der neue Chefingenieur F. M. Vadier konstruierte ein kleineres Modell, den
"2 Litres Tourisme", wobei jedoch viele Dinge vom "2 Litre Sport"
übernommen wurden. 1923 wurde das neue Modell vorgestellt und avancierte zum
Publikumsrenner. Obwohl sich der Preis gegenüber dem großen Bruder mehr als halbiert
hatte, war auch der "2LT" genannte Wagen von enormer Sportlichkeit und hoher
Qualität. Ballots Auftragsbücher waren prall gefüllt und man hatte alle Hände voll zu
tun, die große Nachfrage zu befriedigen.
Der Vierzylinder basierte zwar auf dem im "2
Litres Sport" verwendeten Aggregat, war aber dennoch neu entwickelt. Statt 4 gab es
nun nur noch zwei Ventile pro Zylinder und nur eine Nockenwelle, aber die wurde auch durch
eine Königswelle angetrieben. Verwendung fand ein Zenith-Triple-Vergaser. Die Kurbelwelle
lief in drei Weißmetallagern. Der Motor mobilisierte 40 PS bei 3000 U/min, was immerhin
für eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 110 Stundenkilometern reichte.
Erstaunlich ist, wie leise der Ballot "2LT"
an einem vorüberzieht. In der Beziehung stehen die qualitativ hochwertigen Fahrzeuge der
20er Jahre unseren heutigen Automobilen in nichts nach.

Wenn ich so ca. um 1900 als Kind wohlhabender Eltern geboren
worden wäre,
hätte ich ihn mir 1923 gekauft, den "Ballot 2 Litre Tourisme" - ich
schwöre es!
Skiff - Tourer von Labourdette
In den ersten Produktionsjahren wurden die "2LS" und die
"2LT" fast alle nur als Chassis angeboten. Der Kunde ließ sich dann von einem
Unternehmen seiner Wahl nach seinen Vorstellungen eine Karosserie anfertigen. Und auch
hier zeigte sich der hohe Anspruch von Ballot. Die Kunden mußten das fertig karossierte
Fahrzeug wieder zum Werk bringen, wo es gründlich inspiziert wurde, sonst entfiel die
Werksgarantie! Erst später bot Ballot komplette Fahrzeuge an.
Diese Praxis hatte zur Folge, das kaum ein Ballot der frühen Jahre dem
anderen gleicht. Es entstanden unzählige verschiedene Karosserien, von kleinen
zweisitzigen Sportwagen bis hin zu schweren viersitzigen Limousinen. Der hier vorgestellte
Skiff - Tourer wurde von dem französischen Karosseriebauer Henry Labourdette gefertigt
und wird garantiert die Werksabnahme bestanden haben.
Skiff bezeichnet eine in den zwanziger Jahren sehr beliebte sportliche,
schlanke Karosserie, die sich durch Anlehnungen am Bootsbau charakterisiert. In unserem
Fall ist das Heck des Wagens wie ein schnittiger Bug geformt und mit Edelholz beplankt.
Heute gibt es eine vergleichbare Tendenz, wie z.B. beim Peugeot 206 CC, dessen Heckpartie
wieder an ein Boot erinnert, wenn auch nicht in Edelholz ausgeführt. Es ist zwar so
ziemlich alles schon mal dagewesen, aber elegant ist so ein Wagen auch heute.

Anleihen beim Bootsbau, das Heck des Ballot "2LT" in
Edelholz.
Modellpflege
Im Laufe der Bauzeit des "2LT" von 1923 bis 1929 wurden einige
Änderungen durchgeführt und der Wagen ständig verbessert.
Das zu weich geratene Chassis wurde überarbeitet. Die U-Profil-Träger
aus Aluminium (!) wurden nach unten gekröpft um einen niedrigeren Schwerpunkt zu
erzielen, was die Strassenlage und das Fahrverhalten positiv verbesserte.
Das Bremspedal wirkte anfangs, wie damals üblich, nur auf die
Vorderradbremsen. Die Hinterradbremsen mussten mit dem Handhebel betätigt werden. Ab 1925
gab es serienmäßig eine Vakuum-Bremshilfe und später betätigte das Bremspedal alle
vier Bremsen.
Die Elektrik wurde von 6 auf 12 Volt umgestellt.
Einziges Manko soll das Getriebe gewesen sein, das als zu laut empfunden
wurde und einen so kurz übersetzten ersten Gang hatte, dass er nicht mal zum Anfahren
taugte.
Der Benzinverbrauch war relativ gering und mit dem großen 70 Liter Tank
kam man sehr weit.

Gelungene Symbiose: Chassis, Motor und Technik von Ballot,
hinreißend als Bootsheck karossiert von Henry Labourdette.
Der 2LT Skiff - Tourer macht auch heute noch am Starnberger See ein tolle Figur.
Oder am Genfer See, oder am Lago Maggiore....
Das Ende
Leider erging es Edouard Ballot Anfang der dreißiger Jahre wie vielen Herstellern von
qualitativ hochwertigen und teuren Automobilen. Aufgrund der Weltwirtschaftskrise blieben
sie auf ihren wunderschönen Fahrzeugen sitzen. Ballot kam in finanzielle Schwierigkeiten
und wurde 1932 von Hispano-Suiza "geschluckt". Was mit Pauken und Trompeten
begann, (oder besser: mit Pauken und Posaunen) endete sang und klanglos im Ruin.

Die Kühlerfigur von Ballot, ein Posaune blasender Engel.
© Classic-Car-Revue / Heiko Feld
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