
Elegante italienische Linienführung, Understatement und
Sportlichkeit
- geradezu ein Markenzeichen der Fahrzeuge aus dem Hause Lancia. |
La belezza
Turin im Jahre
1964. Pietro Castagnero, Chef der Designabteilung bei Lancia schüttet
einen Cappuccino nach dem anderen in sich hinein. Fieberhaft arbeitet er an seinem
Zeichenbrett, denn er ist gerade dabei, sein absolutes Meisterstück zu entwerfen: das
Lancia Fulvia Coupé.
Castagnero und seinem Team muss klar gewesen sein, was sie zu leisten hatten. Erstmals in
der Geschichte der Firma Lancia sollte das sportliche Modell nicht bei den großen
Karosserieschneidern, wie Bertone, Touring, Zagato oder Pininfarina entworfen werden,
sondern im eigenen Haus. Die Aufgabenstellung hatte es in sich. Die 1963 vorgestellte
Limousine war dem Zeitgeist entsprechend konservativ und sehr kantig ausgefallen. Die
Fachpresse beurteilte den Viertürer durchaus kontrovers, einmal war es ein
"äußerlich sofort ansprechendes Auto", an anderer Stelle hieß es: "Die
Fulvia - Karosserie gehört zur Schuhkarton-Schule, wie R8, Simca 1000, Alfa Romeo Gulia
und andere."
Aus dieser Vorlage ein schickes Coupé zu zaubern war kein leichtes Unterfangen. Aber der
Spagat gelang. Es gelang sogar so gut, das der schicke kleine Flitzer damals, wie heute,
ein echter Hingucker ist.
Sicherlich haben
Castagnero und seine Mannen vom Mercedes 230 SL Pagode Notiz genommen, der 1963 auf den
Markt kam. Vom Styling her gesehen, war er die Sensation des Jahres und schied mit seinem
konkaven Dach die Geister. Das ebenso filigran konstruierte Dach des Lancia Coupés sticht
ganz besonders ins Auge. Und auch die Lufthutze auf der Motorhaube könnte eine kleine
"Designanleihe" von der Pagode sein.

Auf jeden Fall bescheren die schmalen Dachsäulen dem
Fahrer eine hervorragende Rundumsicht und machen Lust auf schnelle Fahrten über Land bei
Sonnenschein. Die Sitzposition ist sportlich niedrig und Fahrer und Beifahrer haben, wenn
man nicht größer als 1,85m ist, viel Platz. Was man von den Hinterbänklern nicht
behaupten kann. Dort jemanden mitzunehmen grenzt schon an Körperverletzung. Aber für
vier vollwertige Sitze ist ein Coupé ja nicht geschaffen, oder?
Auch von hinten betrachtet macht das Coupé eine
exzellente Figur. Die nur leicht gewölbte Heckscheibe, der fast plante Kofferraumdeckel,
das fast senkrechte Abrisskantenheck und die schön gezeichneten Rücklichter sind einfach
immer wieder schön anzusehen. Man muss Pietro Castagnero großes Lob zollen, sein Fulvia
Coupé ist weder laut noch aufdringlich, sondern stilvoll, elegant und repräsentiert die
hohe Schule des Karosseriedesigns. Solche Fahrzeuge können nur die italienischen Designer
auf die Beine stellen - und der Belgier Jaques Coune.

Die Technik
Auch Prof. Dr.-Ing. Antonio Fessa,
Leiter der technischen Abteilung des Hauses Lancia, und seine Mitarbeiter wurden
ihrem Ruf, extravagante Lösungen zu kreieren, gerecht. Sie entwickelten ein kompaktes
Vierzylinder-Triebwerk mit 1216ccm in V-Form mit Kopf und Kurbelgehäuse aus
Aluminiumlegierung. Doch damit nicht genug: die Zylinderbänke sind zueinander in einem
sehr ungewöhnlich kleinem Winkel von nur 13 Grad angewinkelt. Dadurch konnte man nur
einen Ventildeckel verbauen. Es entstand eigentlich wieder ein Reihenmotor, oder
vielleicht besser gesagt, ein Zwitter. Der Motor wurde dann noch um 45 Grad zur
Fahrerseite geneigt eingebaut und nimmt somit auch in der Höhe nur wenig Platz ein.
Anfänglich leistete das kleine Aggregat 80 PS und verhalf dem 960 Kilogramm leichten
Coupé zu einer damals respektablen Höchstgeschwindigkeit von 164 km/h. Im Leerlauf hält
sich der Motor akustisch dezent zurück, erst bei höheren Drehzahlen meldet er sich
aufgrund des geringen Hubraums mit einem satten Dröhnen zu Wort.
Im Laufe der 13jährigen Bauzeit wurde der Motor für die verschiedenen Modellvarianten
immer wieder leicht gesteigert. Serienmäßig markiert das von Zagato gezeichnete Fulvia
Sport 1600 mit 1600 ccm und 115 PS das obere Ende der Fahnenstange. Auch soll es für
sogenannte "Privatkunden" mit dem 1,6 HF Typ 1016 eine Variante mit 135 PS
gegeben haben.
Der Motor des hier vorgestellten Coupés Rallye 1,3 S aus dem Jahre 1969 leistet knapp 90
PS aus 1298 ccm und bringt die filigrane Schönheit auf ein V-max von 172 km/h.
Ungewöhnlich auch, dass der Motor, die Kupplung das
Getriebe, die Lenkung und der Kühler in einem Hilfsrahmen montiert wurden.
Um eine gute Verzögerung zu gewährleisten wurde dem Coupé eine Zwei-Kreis-Bremsanlage
mit Scheibenbremsen an allen vier Rädern spendiert.
Kein klobiger Kardantunnel stört im Innenraum - der Lancia hat Frontantrieb und verhält
sich auch im Grenzbereich gutmütig leicht untersteuernd. Lob verdient auch die
leichtgängige Lenkung, die den Fahrer kaum Antriebseinflüsse spüren lässt.

Das Coupé hat einen Luftwiderstandsbeiwert von 0,39.
Unterscheidungsmerkmale
zwischen Serie 1, 2 und dem Modell Fulvia 3:
- Kühlergrill
Serie 1: kurz vor den inneren Scheinwerfern trapezförmig abgeschnitten in Edelstahl
Serie 2: Grill bis ganz an die inneren Scheinwerfer gezogen
- Blinker
Serie 1: an den Vorderkotflügeln
Serie 2: in der Stoßstange
- Lenkrad
Serie 1: Echtholz
Serie 2: Kunststoff im "Holz-Look"
Fulvia 3: Plastiklenkrad in schwarz
- Instrumente
Serie 1 & 2: Rundinstrumente mit schwarzen Zifferblättern
Fulvia 3: Rundinstrumente mit weißen Zifferblättern

Klassische Rund-Instrumentierung:
Tachometer, Drehzahlmesser, Anzeigen für Benzinvorrat, Kühlwassertemperatur und
Öldruck.
Das stilvolle Holzlenkrad gab es in der ersten Serie ab Werk.
Sporterfolge
Sportlich gesehen steckte viel in dem kleinen Kraftpaket von Lancia. Die
Werksrennwagen brachten es 1970 auf satte 158 PS bei 7.200 U/min.
Unter Rennleiter Cesare Fiorio pilotierten Rennfahrer wie Kallström, Timo Lampinen und
Sandro Munari den Fulvia von Sieg zu Sieg.
So gewannen Fulvias die Tour de Corse 1967, die Rallye Portugal 1968 und 1970 und die
Rallye Montecarlo im Jahre 1972.

Lancia Fulvia Coupé Typenübersicht
| |
Typ |
Motortyp |
Bauzeit |
Stückzahl |
Hubraum |
Leistung |
| Coupé
1,2 |
818.130 |
818.130 |
1965-1969 |
20.436 |
1.216 ccm |
80 PS |
| Coupé
1,2 HF |
818.140 |
818.140 |
1966-1967 |
435 |
1.216 ccm |
88 PS |
| Coupé
Rallye 1,3 |
818.330 |
818.302 |
1967-1969 |
17.850 |
1.298 ccm |
87 PS |
| Coupé
Rallye 1,3 HF |
818.340 |
818.342 |
1968-1969 |
882 |
1.298 ccm |
101 PS |
| Coupé
Rallye 1,3 S |
818.360 |
818.303 |
1968-1969 |
16.827 |
1.298 ccm |
90 PS |
| Coupé
1,6 HF |
818.540 |
818.540 |
1969-1970 |
1.258 |
1.584 ccm |
115 PS |
| Fulvia
Sport |
818.132 |
818.130 |
1965-1967 |
202 |
1.216 ccm |
80 PS |
| Fulvia
Sport 1,3 |
818.332 |
818.302 |
1967-1969 |
1.602 |
1.298 ccm |
87 PS |
| Fulvia
Sport 1,3 S |
818.362 |
818.302 |
1968-1970 |
1.898 |
1.298 ccm |
90 PS |
2. Serie: |
| Coupé 1,3 S |
818.630 |
818.303 |
1970-1974 |
49.656 |
1.298 ccm |
90 PS |
| Coupé 1600
HF/Lusso |
818.740 |
818.540 |
1970-1973 |
3.690 |
1.584 ccm |
115 PS |
| Fulvia Sport 1,3 S |
818.650 |
818.303 |
1970-1972 |
2.600 |
1.298 ccm |
90 PS |
| Fulvia Sport 1600 |
818.750 |
818.540 |
1971-1972 |
800 |
1.584 ccm |
115 PS |
| Coupé Fulvia 3 |
818.630 |
818.303 |
1974-1976 |
28.763 |
1.298 ccm |
90 PS |
Insgesamt wurden ca. 150.328 Stück des Lancia Fulvia Coupés produziert.
Zu erwähnen sind noch zwei Sonderausstattungen, das "Coupé
3 Montecarlo" (2.529 Stück) und der "Safari"
(auf 900 Exemplare limitiert), die heute extrem gesucht sind.
Ausblick
Die Ersatzteilsituation ist Dank Nachfertigungen mittlerweile als gut zu bezeichnen.
Fast alles ist über Ersatzteilspezialisten zu moderaten Preisen zu bekommen. Auch
Karosserieteile sind bis zur kompletten Bodengruppe zu haben. Man sollte aber bei einem
Kauf darauf achten, dass Motor und Getriebe original sind.
Gut erhaltene Coupés sind sogar in Italien nicht leicht zu finden. Wer eins besitzt
verkauft es nicht so schnell wieder. Wenn doch, dann werden sie oft von Clubmitgliedern
gekauft und kommen erst gar nicht auf den Markt. Das trifft vor allem auf die Modelle mit
geringer Stückzahl zu, denn die sind sehr gefragt.
Gut erhaltenene Fahrzeuge werden bei ca. 8.000 gehandelt. -Ein recht günstiger
Einstandspreis für das schicke Coupé. Die HF (High-Fidelity) Modelle fangen bei ca.
12.000 im guten Zustand an und enden bei perfekten Autos mit Rennhistorie erst bei
ca. 40.000 .
Der heutige Marktwert
| Zustandsnote |
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
| Fulvia Coupé |
12.200 |
7.800 |
4.600 |
2.800 |
1.200 |
| Fulvia Coupé, 2. Serie |
11.500 |
7.200 |
4.400 |
2.600 |
1.100 |
Stand 2006
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