
Skuril aber dennoch ein großer Erfolg: der Messerschmitt
Kabinenroller KR 200 von FMR. |
Die Ausgangslage
Das Deutsche Reich im Jahre 1948. Städte, Infrastruktur und
Industrieanlagen liegen in Trümmern. Die Amerikaner fliegen mit den vom Volksmund
"Rosinenbomber" genannten Transportmaschinen Nahrungsmittel ins blockierte
Berlin.
Die ersten Jahre nach dem Krieg sind für die Bevölkerung von großer Not geprägt.
Lebensmittel und Alltagsgüter waren streng rationiert und nur auf Bezugsschein
erhältlich. Die Menschen hungerten. Zudem war die alte Reichsmark als Währung untauglich
geworden, denn kaum einer war bereit Waren gegen Geld zu tauschen, dafür blühte aber der
Schwarzmarkt. Tauschwirtschaft war das Gebot der Stunde und manch ein Städter tauschte
sein Tafelsilber bei Bauern auf dem Land gegen Lebensmittel ein. Zigaretten, Kaffee und
Nylonstrümpfe waren überall gesucht.
Die Alliierten begannen damit, Betriebserlaubnisse an Geschäftsleute auszugeben.
Rohstoffe wie Kohle und Treibstoff gab es auch nur auf Bezugsschein. Zum Teil stellten die
Siegermächte den Unternehmen Kraftfahrzeuge zur Verfügung, für die dann Fahrbefehle
erteilt wurden. Auch die kleinen und großen Wirtschaftsbetriebe hielten sich in diesen
Jahren nur durch Tauschgeschäfte über Wasser, das nannte man
"Kompensationsgeschäfte". Holzgasgeneratoren waren sehr gesucht, da sie zum
Selbsteinbau in Kraftfahrzeuge mit Benzinmotor geeignet waren. Schnell kamen
Tauschgeschäfte zustande, und noch bis in die Fünfziger Jahre fuhren Fahrzeuge, LKW's
und Taxis mit Holzvergasern. Mit der Währungsreform am 20. Juni 1948 starten die
Deutschen in der Trizone mit 40 D-Mark Kopfgeld in eine neue Ära.
Der "Fend-Flitzer"
Die Alliierten hatten den ehemaligen Rüstungsbetrieben natürlich
auferlegt keine Waffen mehr herzustellen. Davon waren auch die Flugzeughersteller
betroffen. Fritz Fend aus Rosenheim, der früher als Flugzeug-Ingenieur tätig war, saß
ohne Arbeit auf der Strasse. Aber er hatte eine einfache und geniale Idee. In
Einzelfertigung stellte er ab 1948 den sogenannten "Fend-Flitzer" her, einen
dreirädrigen Einsitzer mit Handantrieb, der den tausenden Beinamputierten des Krieges
wieder die Möglichkeit geben sollte, mobil zu sein. Bis 1951 erfuhr der
"Fend-Flitzer" zahlreiche Verbesserungen. So wurden die Fahrrad-Reifen gegen
Rollerräder ausgetauscht und mit kleinen Einzylindermotoren ausgerüstet, die den
Flitzer auf bis zu 60km/h beschleunigten. Das Gefährt kostete je nach Ausführung
zwischen 800 und 2.000 D-Mark. Er verkaufte sich relativ gut, insgesamt wurden ca. 280
Stück produziert.
 Hier ein KR 200 aus der Messerschmitt-Produktion. |
Der KR 175
1952 entwickelte Fend seinen Flitzer zu einem zweisitzigen Roller mit Plexiglashaube
weiter, der von einem 10,9 PS starken Fichtel & Sachs Motor angetrieben wurde und eine
Höchstgeschwindigkeit von 78 km/h brachte. Der Begriff "Kabinenroller" war
geboren. Das "Lenkrad", des auch kurz "Karo" genannten Rollers,
erinnerte an einen Flugzeug - Steuerknüppel. Die Plexiglashaube musste man zum Einsteigen
umklappen. Ab 1953 geht der KR 175 im Regensburger Messerschmitt-Werk zum Preis von 2.100
D-Mark in Serie. Das war ein gutes Geschäft für Fend und Messerschmitt, die mit dem
Kabinenroller nun endlich wieder etwas produzieren konnten. |
Viele Leute machten sich damals über dieses eigenwillige Gefährt lustig,
es wurde mit Spitznamen wie "Menschen in Aspik", "Schneewittchensarg"
(wie auch der Volvo P1800) oder "Käseglocke" bedacht. Aber der Kabinenroller
war relativ billig, verbrauchte nur 3,5 Liter Zweitaktgemisch auf 100 km und motorisierte
die Bevölkerungsteile, die sich keines der wenigen und teuren "richtigen Autos"
leisten konnten. Zum Vergleich: die DKW Sonderklasse kostete 1953 als zweitürige
Limousine 6.040 D-Mark und verbrauchte 10 Liter Kraftstoff auf 100 km.
Von 1953 bis 1955 verkaufte Messerschmitt ganze 19.666 KR 175.
Der KR 200
Anfang 1955 kam der leistungsgesteigerte Nachfolger auf den Markt, der KR 200. Wie die
Modellbezeichnung schon andeutet, wurde er von einem 191 ccm großen Fichtel &
Sachs Motor angetrieben, der zwar 0,7 PS weniger als sein Vorgänger an das Hinterrad
brachte, aber dem Karo aufgrund einer besseren Getriebeübersetzung zu einer Spitze von 90
km/h verhielf. Ansonsten gab es nur kleine Änderungen: die 6 Volt-Anlage wurde auf 12
Volt umgestellt und der Anlasser wurde stärker ausgelegt. Äußerlich kann man die
beiden Modelle gut an der Position der seitlichen Blinker unterscheiden. Bei den KR 200
sitzt er am Heck hinter der Einstiegsöffnung, beim KR 175 am Bug davor.
Schon im ersten Jahr seines Erscheinens wurden fast 12.000 KR 200 produziert. |

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Von Messerschmitt zu FMR
Im Mai 1955 erlaubten die Alliierten der Firma Messerschmitt wieder
Flugzeuge zu bauen, mit der Auflage nur das Augsburger Hauptwerk zu betreiben und
branchenfremde Betriebe abzustoßen. Dazu gehörte auch die Regensburger Stahl- und
Metallbau GmbH (RSM), die den Kabinenroller produzierte. Gleichzeitig kursierten
Gerüchte, dass die komplette Produktion des Rollers eingestellt werden sollte. Dem trat
Fend entgegen, indem er einen Teil der RSM kaufte und seinen Kabinenroller unter dem
Markennamen FMR (Fahrzeug- und Maschinenbau GmbH Regensburg) weiterproduzierte.
1958 brachte er als Sportvariante den vierrädrigern FMR Tg 500 heraus, der mit seinem
Zweizylinder-Twin-Motor 125 km/h schnell lief, von dem aber nur zwischen ca. 320 bis 950
Stück verkauft worden sein sollen.
Fend produzierte bis 1964 seine Kabinenroller, aber VW Käfer, BMW und Glas machten ihm
von Jahr zu Jahr stärkere Konkurrenz. Mittlerweile waren weite Schichten im Laufe des
deutschen Wirtschaftswunders wohlhabender geworden und konnten sich ein
"richtiges" Auto mit vier Rädern für 4 Personen leisten. Das Auto wurde zur
Prestigefrage der Deutschen und damit ging die Zeit, in der man froh war
kleinstmotorisiert und preisgünstig mobil zu sein, dem Ende entgegen.
Insgesamt wurden vom KR 200 46.190 Stück produziert, in den letzten Jahren allerdings nur
noch sehr geringe Stückzahlen. 1964 wurde die Produktion eingestellt.
Bis heute ist der "Karo" von Fend zum Mythos avanciert. Die Fangemeinde bleibt
ihrer "fahrenden Käseglocke" treu und hält somit ein Stück automobile
Zeitgeschichte lebendig. |

Der heutige Marktwert
| Zustandsnote |
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
| KR 175 |
14.700 |
11.100 |
7.700 |
3.500 |
2.000 |
| KR 200 |
14.300 |
10.800 |
7.400 |
3.500 |
2.000 |
Stand 2006
© Classic-Car-Revue / Heiko Feld
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