Bei dieser Aufnahme von 1913 erkennt man gut die
Tandem-Zweisitzer Bauweise des 5/12PS Wanderer.
Strenggenommen ist der W1 ein "Dual Cowl", denn der vodere und der
hintere Fahrgastraum
sind voneinander abgetrennt. Die weissen Reifen waren seinerzeit gang und gäbe,
da man zur Färbung dem Kautschuk erst später Asphalt beimischte. |
Was lange währt,...
Lange hatte man
bei den ich Schönau bei Chemnitz ansässigen Wanderer-Werken mit der Automobilproduktion
gewartet.
Obwohl die Ingenieure schon 1905 ein zweisitziges Versuchsfahrzeug mit einem
luftgekühlten Zweizylindermotor entwickelt hatten, für den sich Wanderer den Namen
"Wanderermobil" schützen ließ, ging dieser Wagen nicht in die
Serienproduktion. Auch ein 1907 entstandener Vierzylinder blieb ein Versuchsfahrzeug.
1910 stattete der damals noch ziemlich unbekannte Ettore Bugatti den Wanderer-Werken einen
Besuch ab. In der Tasche hatte er die Pläne für die Konstruktion eines zweisitzigen
Kleinwagens mit vier Zylindern und 600 ccm, den er im Keller seiner Wohnung in Köln
entworfen hatte, während er bei Deutz arbeitete. Doch die Wanderer-Werke winkten ab.
Ihr eigenes Projekt - ein zweisitziger Kleinwagen stand kurz vor der Serienproduktion.
Ettore Bugatti hat übrigens im gleichen Jahr seine eigene Firma in Molsheim bei
Strassburg gegründet. Was wäre wohl gewesen, wenn die beiden Parteien sich einig
geworden wären?
Zurück zum W1
genannten Projekt der Wanderer-Werke.
Die lange Wartezeit hatte sich gelohnt. Insgesamt wurde über einen Zeitraum von sechs
Jahren getüftelt und geprobt, verworfen und weiterentwickelt. Dabei kam den Ingenieuren
der Wanderer-Werke zu gute, dass man in der eigenen Firma eine Werkstatt zur Herstellung
von Präzisionsteilen eingerichtet hatte. Die Erfahrungen des Motorradbaus seit 1902 und
die eigene Motorenproduktion trugen sicher auch dazu bei, dass der erste Wanderer ein
ausgereiftes Auto wurde.
"Wir hatten einen ganz niedlichen, kleinen Wagen im Auge, kleiner als alle bisher
gebauten Wagen, niedrig in Anschaffungspreis, sparsam im Bezin-, Gummi- und Ölverbrauch,
anspruchslos im Platzbedarf, aber großen Wagen gleich an Schnelligkeit und im Nehmen von
Steigungen." schrieb der Firmengründer Johann Baptist Winklhofer später.
1911 war es so
weit, der Wanderer 5/12 PS Typ W1 wurde auf dem Berliner Autosalon der Öffentlichkeit
präsentiert. 1912 ging er in die Serienproduktion.

Solide gebaut, geringe Unterhaltskosten, bis zu 70 km/h schnell
und gut am Berg - die Vorzüge des Wanderer W1 5/12 PS.
"Klettermaxe"
Entstanden war
ein Kleinwagen mit zwei hintereinander(!) angeordneten Sitzen. Der Reihen-Blockmotor
schöpfte aus 1150 ccm 12 PS bei 1.800 U/min. Es sprach sich schnell herum, dass der
Wanderer W1 sehr solide konstruiert war. Abgesehen davon trugen sicherlich auch die
Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h und die exzellente "Kletterfähigkeit" des
leichten und handlichen Wagens zu seinem Erfolg bei.
Die
Firmengründer Richard Jaenicke und Johann Baptist Winklhofer erkannten frühzeitig, wie
wichtig es für die Vermarktung des W1 war, seine außergewöhnlichen Tugenden unter
Beweis zu stellen. 1912 liessen sie den Tandem-Zweisitzer eine 2000 km lange Dauerprüfung
in den Dolomiten absolvieren, bei der sich herausstellte, dass er Bergpässe meisterte,
die vor ihm noch kein Kleinwagen gemeistert hatte. 1914 nahmen drei W1 an der schwierigen
Österreichischen Alpenfahrt teil. 2.400 Kilometer legte der erste Wagen in den Alpen ohne
Defekt zurück. Die anderen beiden mussten wegen Felgendefekten aufgeben. Das Militär war
ebenfalls von den Vorzügen des W1 begeistert und setzte ihn im Ersten Weltkrieg ein.

Sereinmäßiges Verdeck, Hupe und Beleuchtung waren damals noch
eine Seltenheit.
Gepäck musste hinten auf der Gepäckbrücke transportiert werden,
der W1 bot anfangs nur zwei Personen Platz.
Gerade weil er aber klein und kostengünstig war,
trug er mit zum Siegeszug des Automobils bei,
denn so ein Fahrzeug konnten sich nun auch Normalverdiener leisten.
"Puppchen, du bist mein Augenstern..."
Dass der Wanderer 5/12 PS in den deutschsprachigen Ländern sehr populär wurde lag
aber auch daran, dass der Operettenkomponist Jean Gilbert ab 1910 mit seinem Stück
"Die keusche Susanne" so großen Erfolg hatte.
Das Lied "Puppchen, du bist mein Augenstern" aus der Operette wurde ein
Evergreen und landauf, landab geträllert. Und da der Wanderer so klein und niedlich war,
wurde er vom Volsmund fortan nur noch Puppchen genannt.
Hier der Liedtext:
Ein süßes kleines Kindchen
Sei Euch vom Glück beschert!
Mit Händchen, Füßchen, Mündchen
Und was dazu gehört!
Schreit oft nach seinem Süppchen
Das Baby wie am Spieß
Bald ist das liebe Puppchen
Für Euch ein Paradies
Und Pappi singt es brav
Mit Mutti in den Schlaf!
Puppchen, Du bist mein Augenstern
Puppchen, hab Dich zum Fressen gern
Puppchen, mein süßes Püppchen
Nein ohne Spaß
Du hast so was!
Puppchen, Du bist mein Augenstern
Puppchen, hab Dich zum Fressen gern
Puppchen, mein süßes Püppchen
Nein ohne Spaß, nein ohne Spaß
Du hast so was!

Grössenvergleich: Wanderer W1 5/12 PS von 1912 vor Rolls Royce
25/30 von 1929.
Hier erkennt man gut, wie schmal der W1 gebaut ist.
Modellpflege: W1 - W3
Schon bald überstieg die Nachfrage nach dem 3.800 Mark teuren Wanderer
"Puppchen" die Produktionsmöglichkeiten.
1914, kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs wurde ein größerer Motor verbaut. Aus 1.220
ccm leistete der nun W2 genannte Wagen 15 PS, die Typenbezeichnung blieb aber weiterhin
5/12 PS.
Zwei Jahre später gab es den Wanderer Puppchen auch als Viersitzer. Dazu hatte man den
Radstand von 2,20 auf 2,40 verlängert. Die Serienproduktion des W3 genannten Viersitzers
konnte aber erst nach dem Krieg aufgenommen werden.
Die kleinen und behenden Wanderer W1 - W3 bescherten den Wanderer-Werken großen Erfolg
und machten sie über die Landesgrenzen als Produzenten kostengünstiger und solider
Fahrzeuge bekannt. Die nachfolgenden Fahrzeuge sollten den guten Ruf in den zwanziger und
dreißiger Jahren noch weiter untermauern.
© Classic-Car-Revue / Heiko Feld
Rechtlicher Hinweis |